#1

Einheimische Wildpflanzen als Basis eines naturnahen Gartens

in Der naturnahe Garten 13.02.2008 13:07
von manfredm • Moderator | 861 Beiträge
Eine Frage, die immer wieder zu Unverständnis führt, ist, warum in einem Naturgarten einheimische Wildpflanzen stehen sollten, und warum andere Wildpflanzen nicht genauso gut sind? Der Grund ist, dass unsere einheimischen Tiere zum großen Teil auf unsere einheimischen Pflanzen festgelegt sind, eine in evolutionären Zeiträumen eingespielte Nahrungskette, und sich unsere Wildtiere meist nicht auf neue Nahrungspflanzen einstellen können. Hier einige Zahlen dazu, wie viele Vogelarten bei uns an einheimischen (links) und nahe verwandten, aber außereuropäischen (rechts) Beerensträuchern fressen:

Gemeine Berberitze 19 Vogelarten --> Thunbergs Berberitze 7 Vogelarten
Roter Hartriegel 24 Vogelarten --> Weisser Hartriegel 8 Vogelarten
Gemeiner Wacholder 43 Vogelarten --> Chinesischer Wacholder 1 Vogelart
Kornelkirsche 15 Vogelarten --> Gelbholziger Hartriegel 2 Vogelarten
Eingriffeliger Weissdorn 32 Vogelarten --> Lavalls Weissdorn 3 Vogelarten


Noch viel deutlicher ist das bei Exoten, die keine europäische Verwandtschaft haben:

Gleditschie 4 Vogelarten
Feuerdorn 4 Vogelarten
Flügelnuss 3 Vogelarten
Essigbaum 2 Vogelarten
Trompetenbaum 2 Vogelarten
Forsythie 0 Vogelarten
Rhododendron 0 Vogelarten
Azaleen 0 Vogelarten

Ähnliches gilt für Insekten: Während etwa Eichen und Weiden 200-300 Insektenarten „verköstigen“, lebt auf der Rosskastanie, obwohl die seit ein paar hundert Jahren bei uns gepflanzt wird, genau eine Art, und die erst seit kurzem: die berüchtigte Miniermotte.

Ich solte noch anhängen: was ist eigentlich eine einheimische Wildpflanze?
Einheimische – das heißt „mitteleuropäische“ – Pflanzen.
Jede Abgrenzung ist willkürlich, und ich bin in der Praxis kein Verfechter irgendwelcher "reinen Lehren" . Aber die gängige - und botanisch sinnvolle Abgrenzung unseres Florengebietes, wie sie etwa der "Schmeil-Fitschen" vornimmt, reicht vom atlantischen Frankreich bis in die ehemaligen Ostgebiete, hört im heutigen Ostpolen auf, auch die Grenzgebiete Österreichs sind nicht mehr dabei (bereits die pannonische Florenregion), in den Alpen gilt der Hauptkamm als Grenze. Alle Pflanzen, die in diesem Gebiet natürlich Vorkommen, gelten hier als "einheimisch".
Die zweite Abgrenzung ist zeitlicher Natur. Auch in der Natur ändern sich die Dinge, Pflanzen und Tiere wandern. Nun ist dies natürlicherweise meist ein langsamer Prozeß, den der Mensch dramatisch beschleunigt hat, so daß die Ökosysteme sich nicht mehr anpassen können. Als "einheimisch werden Pflanzen (und Tiere) bezeichnet, die bereits vor ca. 1500 hier heimisch waren. Das war die Zeit, als Amerika (wieder)entdeckt wurde und der Seeweg um Afrikas nach Asien eröffnet wurde und in der Folge auch wesentlich mehr Neozooen nach Europa kamen.
Manfred
zuletzt bearbeitet 13.02.2008 18:49 | nach oben springen

#2

RE: Einheimische Wildpflanzen als Basis eines naturnahen Gartens

in Der naturnahe Garten 13.02.2008 13:54
von Matthias (gelöscht)
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Hallo Manfred,

ein interessanter Beitrag. Wie verhält es sich bei Birke, Robinie, Kartoffel- und Hundsrose? Liegen dir dazu auch Zahlen vor? Das würde mich mal interessieren, da ich diese genannten Pflanzen im Garten besitze.


Liebe Grüße

Matthias

Klimazone 7a bis 7b

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#3

RE: Einheimische Wildpflanzen als Basis eines naturnahen Gartens

in Der naturnahe Garten 13.02.2008 14:11
von manfredm • Moderator | 861 Beiträge

Zitat von Matthias
Hallo Manfred,

ein interessanter Beitrag. Wie verhält es sich bei Birke, Robinie, Kartoffel- und Hundsrose? Liegen dir dazu auch Zahlen vor? Das würde mich mal interessieren, da ich diese genannten Pflanzen im Garten besitze.

Zahlen habe ich leider keine, aber:
Die Robinie beherbergt bei uns praktisch kein Insektenleben, abgesehen von Blütenbesuchern
Die Kartoffelrose hat ein wesentlich derberes Laub, als alle unsere Rosen, die meisten Rosen-Fraßinsekten gehen nicht an die "Japanische Apfelrose" (den Namen "Kartoffelrose" hat sie irgendwie nicht verdient, klingt so "unterirdisch!). In Küstennähe verdrängt R.rugosa aber teilweise als Neophyt die einheimische R. pimpinellifolia. In Österreich soll teilweise R. pimpinellifolia altaica (die teilweise als eigene Art R. altaica geführt wird)auch ein Neophytenproblem darstellen. Viele andere Wildrosen haben aber aufgrund der reichen Verwandschaft bei uns einen guten ökologischen Wert.
Manfred

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#4

RE: Einheimische Wildpflanzen als Basis eines naturnahen Gartens

in Der naturnahe Garten 13.02.2008 15:14
von Gerardo • Hängemattentester | 2.315 Beiträge

Frage an Manfred.

Unser Grundstück ist nach Nordost steil abfallend und grenzt an einen Bach an. In den Bereichen, welche für den Balkenmäher zu steil sind und nur mit der Sense gemäht werden können, lassen wir wild Eschen, Haselnusssträucher, Wildkirschen und wenige Tannen wachsen. Seit vielen Jahren haben sich Eichhörnchen angesiedelt, welche ab und zu sogar unsere Teerasse, welche sich auf einer an das Haus angebauten Doppelgarage befindet, besuchen.

Kannst du vielleicht auch noch etwas zu Esche, Haselnuss, Tanne und Wildkirsche sagen?

Der flachere Bereich des Gartens ist teilweise mit Trockensandsteinmauern terrassiert und Hausgarten, der Rest Streuobstwiese mit Apfel- und Zwetschgenbäumen.


LG von Gerardo
Klimazone 7a
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#5

RE: Einheimische Wildpflanzen als Basis eines naturnahen Gartens

in Der naturnahe Garten 13.02.2008 16:24
von manfredm • Moderator | 861 Beiträge
Zitat von Gerardo
Unser Grundstück ist nach Nordost steil abfallend und grenzt an einen Bach an. In den Bereichen, welche für den Balkenmäher zu steil sind und nur mit der Sense gemäht werden können, lassen wir wild Eschen, Haselnusssträucher, Wildkirschen und wenige Tannen wachsen. Seit vielen Jahren haben sich Eichhörnchen angesiedelt, welche ab und zu sogar unsere Teerasse, welche sich auf einer an das Haus angebauten Doppelgarage befindet, besuchen.
Da kommt ja Neid auf, bei der Lage!

In Antwort auf:
Kannst du vielleicht auch noch etwas zu Esche, Haselnuss, Tanne und Wildkirsche sagen?
Alles einheimische Arten, jedenfalls, wenn Deine "Tanne" "Abies alba" und die "Wildkirsche" "Prunus avium" heißt. Die Kirschen fressen 48 Vogelarten (Da muß man sich beeilen, wenn man selber ernten will), die Nüsse nicht nur die Eichhörnchen, auch Siebenschläfer und co.

In Antwort auf:
Der flachere Bereich des Gartens ist teilweise mit Trockensandsteinmauern terrassiert und Hausgarten, der Rest Streuobstwiese mit Apfel- und Zwetschgenbäumen.

Wow, noch mal Neid! Das hört sich nach größerem Naturgarten an!

Übrigens: Die Zahlen zu den Vogelarten gibt's öfter mal in der Fachliteratur, im Web findet man sie bei Reinhard Witt http://www.reinhard-witt.de/tabelle_verg...aturgarten.html. Zuhause habe ich irgendwo auch Zahlen zu "wieviel Insekten speziefisch auf einer Pflanze leben" und "wieviele Säugetiere welche Früchte fressen". Ich muß mal suchen.

Manfred
zuletzt bearbeitet 13.02.2008 16:25 | nach oben springen

#6

RE: Einheimische Wildpflanzen als Basis eines naturnahen Gartens

in Der naturnahe Garten 13.02.2008 17:41
von Gerardo • Hängemattentester | 2.315 Beiträge
Zitat von manfredm

In Antwort auf:
Der flachere Bereich des Gartens ist teilweise mit Trockensandsteinmauern terrassiert und Hausgarten, der Rest Streuobstwiese mit Apfel- und Zwetschgenbäumen.

Das hört sich nach größerem Naturgarten an!


Manfred


Danke für die schnelle und informative Antwort.

Naturgarten ist geschmeichelt. Wildnis passt besser!

Einen sehr schönen Lebensraum für allerlei Getier bieten auch die Trockensandsteinmauern. Dort sind mehrere Dutzend Feuersalamander, Erdmolche und Kröten heimisch geworden. Diese suchen ab und zu den nahegelegenen Teich auf.

LG von Gerardo
Klimazone 7a
zuletzt bearbeitet 13.02.2008 22:08 | nach oben springen

#7

RE: Einheimische Wildpflanzen als Basis eines naturnahen Gartens

in Der naturnahe Garten 15.02.2008 10:27
von manfredm • Moderator | 861 Beiträge
Zitat von Matthias
...Wie verhält es sich bei Birke, Robinie, Kartoffel- und Hundsrose?...

Be der Suche nach Deiner amerikanischen Wildrose, bin ich bei http://www.hobbythek.de/dyn/6724.phtml auf folgendes gestoßen:

"Leider verkaufen die Gartencenter in den letzten Jahren immer mehr Wildrosenarten, wie die Rosa blanda, die Rosa multiflora, die Rosa nitida und vor allem die Rosa rugosa, die Kartoffelrose, die in unseren Breiten nicht heimisch sind. Die Kartoffelrose zum Beispiel stammt von der nordostasiatischen Halbinsel Kamtschatka, ehemals Russland. Sie wurde in den letzten Jahrzehnten in Schleswig Holstein und vor allem auch auf den nordfriesischen Inseln in großer Zahl zur Befestigung der Dünen angepflanzt. Für diese Aufgabe leistet sie tatsächlich gute Dienste. Im Laufe der Zeit hat man dann aber festgestellt, dass die Kartoffelrose andere alteingesessene Rosenarten bedrängt und verdrängt. Sie wuchert so dominant, das andere Pflanzen in ihrem Wachstum beeinträchtigt werden und die Artenvielfalt zurückgeht. Außerdem können ihre harten Blätter von den meisten einheimischen Insekten gar nicht benagt werden."

Manfred
zuletzt bearbeitet 15.02.2008 10:27 | nach oben springen

#8

RE: Einheimische Wildpflanzen als Basis eines naturnahen Gartens

in Der naturnahe Garten 27.03.2008 14:24
von manfredm • Moderator | 861 Beiträge

"Wer heimische Wildpflanzen sät oder pflanzt, wird Tiere ernten. "

Das habe ich bei Reinhard Witt http://www.reinhard-witt.de/wildtiere_naturgarten.htm gefunden und weiter:

"Es ist kaum vorstellbar, wie viele Lebewesen das naturnahe Grün als Heimat benötigen. In Gärten und Grünanlagen können wir dazu beitragen. Von jeder Wildpflanze sind im Schnitt 10 Tierarten abhängig. Es werden also unüberschaubar viele Tiere kommen. Und es geht keineswegs darum, sie alle zu kennen. Wichtig ist vielmehr: Dass sie natürlich da sind. Und dass wir die Vorausetzungen für ihre Existenz geschaffen haben. Als bescheidener Beitrag zur Schöpfung."


P.S. Ich lade Alle ein, meine Beiträge mit Bildern zu unterstützen - ich habe leider keine!
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#9

RE: Einheimische Wildpflanzen als Basis eines naturnahen Gartens

in Der naturnahe Garten 06.03.2009 23:01
von manfredm • Moderator | 861 Beiträge

In der aktuellen März Ausgabe der Zeitschrift "Gartenpraxis" (Ulmer Verlag) gibt es einen schönen und informativen Artikel "Wildstauden für den frisch-sonnigen Gehölzrand", die in dem Artikel beschriebenen Arten eignen sich auch prima für jedes Staudenbeet.
Manfred

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#10

RE: Einheimische Wildpflanzen als Basis eines naturnahen Gartens

in Der naturnahe Garten 06.03.2009 23:12
von CarpeDiem • Regenwurmbeschwörer | 519 Beiträge

Das ist recht spannend.

Wir versuchen gerade eine Kooperation mit dem Land Schleswig Holstein und dem Naturschutz aufzustellen, um bei uns im Rosenpark einige Wildpflanzen anzusiedeln. Eine Wildnis werden wir nicht schaffen können, aber wir wollen zumindest versuchen, einen Teil der Pflanzen bi uns anzusiedeln und auch zu vrmehren.
Dabei berücksichtigt dr Verband wohl auch die Bodenbeschaffenheit und halt die Gegend.

Bäume und Sträucher wrdn es im Moment wohl eher noch nicht, obwohl wir natürlich auch Wildrosen haben. Da legn wir uns jedoch nicht nur auf europäische fest

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